Viele Reeder übersehen noch eine Energiequelle an Bord, obwohl der Dieselpreis steigt und Emissionsauflagen härter werden. Während in Hamburg über E-Fuels und Batterien gestritten wird, arbeitet ein Spanier an etwas, das verdächtig einfach klingt: ein Mast, der sich im Sturm schütteln lässt – und dabei Strom produziert.
Wer auf Nord- oder Ostsee fährt, kennt das Bild: Der Mast vibriert, das Schiff stampft in den Wellen, alles arbeitet gegen den Widerstand des Wassers. Genau diese unruhige Bewegung will Juan Francisco Sarmiento Medina nutzen – nicht als Problem, sondern als permanente Energiequelle für das Schiff.
Wenn der Mast wackelt – und plötzlich zum Generator wird
Der Erfinder aus Las Palmas beschreibt sein System wie einen „dreidimensionalen Generator“. Der Mast schwingt, wenn Wind und Wellen aufs Schiff treffen. Unter Deck ist die Kielstruktur so ausgelegt, dass sie wie ein Kolben arbeitet. Aus den Bewegungen entlang der X-, Y- und Z-Achse wird – nach dem Faraday-Prinzip – Strom erzeugt.
Sein Konzept heißt E‑MAST (Energy Mast System). Die Technik steckt komplett im Inneren: ein gekapselter Rotor ohne freiliegende Teile, lineare Generatoren und piezoelektrische Elemente, die Vibrationen direkt in elektrische Energie umwandeln. Zusätzlich kann Luft unter den Rumpf geleitet werden, als Mikroblasen-Schicht, die den Reibungswiderstand reduziert.
Für Reeder klingt das verlockend: kein zusätzlicher Dieselgenerator, keine lauten Propeller, kein permanenter Ölwechsel. Der Mast bleibt äußerlich Mast – und wird innerlich zur Stromquelle. Genau hier liegt aber auch das Risiko: Solange keine harten Messwerte aus realen Einsätzen vorliegen, bleibt offen, wie viel Leistung tatsächlich abrufbar ist und wie stabil das System unter Dauerbelastung läuft.
Die stille Kostenfalle auf See, die viele unterschätzen
Wer heute eine Yacht, ein Forschungsschiff oder eine kleine Offshore-Plattform plant, rechnet oft noch klassisch: Diesel plus vielleicht ein paar Solarpaneele. Die Folge sind hohe Betriebskosten, Lärm und ein CO₂-Fußabdruck, der zunehmend zum Wettbewerbsnachteil wird – auch in Deutschland, wo der Druck durch EU-Vorgaben und Kunden wächst.
Genau hier setzt E‑MAST an. Sarmiento sieht Anwendungen bei:
- autonomen Überwachungsplattformen auf See
- oceanografischen Messstationen, die jahrelang draußen bleiben sollen
- militärischen oder behördlichen Systemen, bei denen ein leiser Antrieb entscheidend ist
Wer etwa eine unbemannte Messboje vor Helgoland oder in der Deutschen Bucht betreibt, kennt das Problem: Batterien nachladen oder Diesel nachfüllen kostet Zeit, Geld und Personal. Ein Mast, der sich aus seiner eigenen Bewegung speist, könnte die Wartungsintervalle drastisch verlängern.
Der Erfinder hat sein Konzept in Spanien nach eigenen Angaben mit zwei Patenten (ES202430338 und ES202430339) abgesichert und spricht von rund 500.000 Euro, die für internationalen Schutz und Entwicklung nötig sind. Medien auf den Kanaren berichten von Gesprächen mit Werften in Frankreich und den Niederlanden – ein Hinweis darauf, dass das Thema in der Branche ernst genommen wird, auch wenn noch kein Serienprodukt im Katalog von Damen, Meyer Werft oder Lürssen steht.
Wer sich einen Überblick über die Bedeutung der Schifffahrt für Emissionen und Energieverbrauch verschaffen will, findet bei offiziellen Stellen wie dem Statistischen Bundesamt (destatis.de) solide Zahlen – und erkennt schnell: Jeder Liter Diesel, der auf See eingespart wird, zählt.
Warum diese Idee gerade jetzt unbequem wichtig wird
Der vielleicht größte blinde Fleck: Viele Entscheider in Werften und Reedereien in Bremen, Kiel oder Rostock warten ab, bis fertige Komplettlösungen auf dem Markt sind. Doch wer erst dann reagiert, wenn ein System wie E‑MAST in anderen Flotten läuft, verliert Jahre – und im Zweifel Aufträge.
Ein einfacher Realitätscheck für alle, die mit Schiffen oder maritiner Technik zu tun haben:
- Wenn Ihre Energieplanung auf See noch zu über 80 % von Diesel abhängt, könnte Sie jede neue Abgasnorm hart treffen.
- Wenn Wartungseinsätze für Generatoren regelmäßig Touren mit Servicepersonal aus Hamburg oder Bremerhaven erzwingen, zahlen Sie bereits jetzt für eine Technik, die sich vielleicht teilweise ersetzen lässt.
Der Mast, der Strom erzeugt, ist kein Science-Fiction-Konzept mehr, sondern eine konkret patentierte Lösung, die jetzt den Sprung aus der Theorie in die raue Realität des Atlantiks schaffen muss. Ob sie hält, was sie verspricht, entscheidet sich nicht im Patentamt, sondern in der Welle.
Doch wer die Entwicklung ignoriert, riskiert, dass andere zuerst beweisen, wie viel teure Dieselstunden man sich mit der richtigen Idee am Mast hätte sparen können.



