Batkhuu Namchin kämmt vorsichtig das feine Unterhaar seiner Ziegen, während der eisige Wind der Arkhangai-Hochebene gnadenlos an seiner Jurte zerrt. Doch hinter dieser scheinbar zeitlosen Idylle der mongolischen Nomaden verbirgt sich ein knallhartes Milliardengeschäft, das die Natur der Steppe unwiderruflich vernichtet.
Die dunkle Seite des „weichen Goldes“
Was früher eine nachhaltige Lebensweise war, hat sich in einen ökologischen Wettlauf gegen die Zeit verwandelt. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat sich die Mongolei zum weltweit zweitgrößten Produzenten für Kaschmir entwickelt. Heute stammen etwa 40 % der weltweiten Rohfaser aus diesen Steppen.
Die dramatischen Folgen der Massenproduktion:
- Die Zahl der Ziegen explodierte in drei Jahrzehnten von 7 auf 22 Millionen.
- 76 % der mongolischen Weideflächen sind bereits von Desertifikation (Wüstenbildung) betroffen.
- Ziegen fressen im Gegensatz zu Schafen auch die Wurzeln und Samen, was die Regeneration der Böden fast unmöglich macht.
- Überweidung und der Klimawandel teilen sich die Schuld an der Zerstörung des Ökosystems zu jeweils 50 %.
Das Märchen vom nachhaltigen Kaschmir
Um das Gewissen der Elite-Kunden in Europa zu beruhigen, wurde 2015 die Sustainable Fibre Alliance (SFA) in London gegründet. Marken wie Burberry und Loro Piana stützen sich auf dieses Siegel. Doch vor Ort in der Mongolei sieht die Realität völlig anders aus.
Einfach gesagt: Die Zertifizierung konzentriert sich primär auf die Faserqualität und das Tierwohl, während der Schutz des Bodens oft nur eine vage Randnotiz bleibt. Experten wie Tungalag Ulambayar kritisieren, dass die SFA eher als Vermittler fungiert, um Marken ein ethisches Label zu ermöglichen, ohne die ökonomische Logik dahinter wirklich zu ändern.

Schuldenfalle statt Luxusleben
Trotz der astronomischen Preise, die für einen Kaschmir-Pullover in Paris oder Mailand verlangt werden, leben die Hirten am Existenzminimum. Ein Kilo Kaschmir bringt heute etwa 36 Euro – ein massiver Anstieg gegenüber 1996, doch die Inflation in der Mongolei frisst alles auf.
- Hirten sind oft gezwungen, Kredite für Heu und Tiermedizin aufzunehmen.
- Der Exportpreis in Europa ist bis zu achtmal höher als der Preis, den der Hirte erhält.
- Ein plötzlicher Wintereinbruch (Dzud) kann eine geschorene Herde innerhalb von Stunden vernichten und Familien in den Ruin treiben.
Um es kurz zu machen: Während die Luxuskonzerne ihre Margen optimieren, tragen die Nomaden das gesamte unternehmerische Risiko. Das Risiko ist real. Die Steppe schweigt, aber sie stirbt.
Warum die Steppe keine Pause bekommt
Das ökonomische Ungleichgewicht zwingt die Hirten dazu, immer größere Herden zu halten, um die Preisschwankungen auszugleichen. Es ist ein Teufelskreis. Mehr Ziegen bedeuten weniger Gras. Weniger Gras bedeutet schwächere Tiere.
Früher reichte das Gras bis zu den Knien. Heute ist es kaum noch vier Finger breit. Wenn die Fabriken in Europa nicht anfangen, einen Teil ihrer Gewinne direkt in die Bodenregeneration und faire Festpreise zu investieren, wird das „weiche Gold“ bald Geschichte sein. Denn ohne Land gibt es keine Hirten – und ohne Hirten kein Kaschmir.
FAQ: Häufige Fragen zur Kaschmir-Produktion
Warum ist Kaschmir aus der Mongolei problematisch für die Umwelt?
Die enorme Nachfrage führt zur Überweidung durch Millionen von Ziegen. Diese Tiere zerstören die Graswurzeln, was zu einer massiven Ausbreitung der Wüste führt und die Lebensgrundlage der Nomaden vernichtet.
Was bedeutet das SFA-Siegel bei Kaschmir-Produkten?
Es soll nachhaltige Produktion garantieren, wird aber oft kritisiert. Viele Experten bemängeln, dass es vor allem die Qualität der Wolle sichert, aber die tatsächliche Zerstörung der Böden und die Armut der Hirten kaum verbessert.
Können Hirten von den hohen Kaschmir-Preisen in Europa profitieren?
Kaum. Die Gewinne bleiben meist bei den Fabrikbesitzern und Luxusmarken hängen. Hirten erhalten nur einen Bruchteil des Endpreises und sind oft tief verschuldet, um Futter und Medikamente zu finanzieren.



