In der antiken Stadt Oxyrhynchos machten Forscher einen Fund, der die Grenzen zwischen Weltliteratur und Totenkult verschwimmen lässt. Versteckt in den Bandagen einer römischen Mumie tauchte ein Papyrusfragment auf, das Verse eines der bedeutendsten Epen der Menschheitsgeschichte enthält: Homers Ilias.
Die Entdeckung wurde von einem Expertenteam der Universität Barcelona und dem Institut für den Alten Orient (IPOA) gemacht. Etwa 190 Kilometer von Kairo entfernt, in der Grabstätte Nummer 65, stießen sie auf die Überreste, die weit mehr als nur organische Geschichte bewahrten.
Ein literarischer Schatz im Totenreich
Was diesen Fund so außergewöhnlich macht, ist der Kontext. Es ist nicht ungewöhnlich, Beigaben in ägyptischen Gräbern zu finden, aber ein Fragment des zweiten Gesangs der Ilias direkt an einer Mumie ist eine wissenschaftliche Goldgrube.
Hier sind die wichtigsten Details des Fundes:
- Fundort: Al Bahnasa, das antike Oxyrhynchos.
- Inhalt: Das Papyrus enthält den berühmten „Katalog der Schiffe“.
- Beigaben: Drei hauchdünne Goldblätter und ein Kupferobjekt.
- Zustand: Trotz historischer Plünderungen blieb die Grabkammer 65 in einem Zustand, der eine Rekonstruktion der Riten erlaubt.
Um es kurz zu machen: Dieser Fund beweist, dass die griechische Literatur tief in den Alltag – und das Sterben – der Menschen im römischen Ägypten eingedrungen war.
💡Archäologe & Papyrologe: Wir sehen hier die perfekte Verschmelzung zweier Welten. Im Jahr 2026 nutzen wir verstärkt KI-gestützte Multispektral-Scans, um selbst verblasste Tintenpartikel auf solchen Papyri sichtbar zu machen. Dass ein Verstorbener mit dem ‚Katalog der Schiffe‘ bestattet wurde, deutet darauf hin, dass Homer im antiken Ägypten nicht nur Bildungsgut, sondern ein spiritueller Begleiter für die Reise ins Jenseits war.
Der „Katalog der Schiffe“ und die kulturelle Fusion
Der gefundene Textabschnitt ist besonders spezifisch. Der „Katalog der Schiffe“ listet detailliert die griechischen Kontingente auf, die gegen Troja in den Krieg zogen. Warum genau dieser Text? Ehrlich gesagt, rätseln die Forscher noch.
Professor Hassan Amer erklärt jedoch, dass dieser Fund die Hellenisierung der Oberschicht in Oberägypten unterstreicht. Die Bestattungsrituale zeigen eine faszinierende Mischung:
1. Traditionelle ägyptische Mumifizierung.
2. Römisch-ägyptische Holzsarkophage mit polychromer Bemalung.
3. Griechische Epik als Grabbeigabe.
Die Geheimnisse von Oxyrhynchos
Oxyrhynchos gilt seit langem als „Müllhalde der Antike“ – im besten Sinne. Aufgrund der extremen Trockenheit haben dort Tausende von Papyri überlebt. Der aktuelle Fund in Grab 65 bestätigt die Bedeutung dieses Ortes für unser Verständnis der ptolemäischen und römischen Perioden.
Die Direktorinnen der Mission, Maite Mascort und Esther Pons Mellado, dokumentierten zudem Mumien mit geometrisch gemusterten Bandagen in leuchtenden Farben. Bumm. Ein visuelles Spektakel, das zeigt, dass die Kunstfertigkeit selbst in Zeiten des kulturellen Umbruchs nicht nachließ.



