Archäologen haben auf dem entlegenen Javakheti-Plateau in Georgien eine vergessene Zivilisation ans Licht gebracht, die unsere Vorstellung vom antiken Kaukasus sprengt. Wo Forscher bisher nur eine unwirtliche Randregion vermuteten, zeugen nun zyklopische Festungsmauern und eine prachtvolle bronzerne Sonnenscheibe von einem dynamischen kulturellen Schmelztiegel.
Das Javakheti-Plateau: Ein Hotspot der Frühgeschichte
Jahrelang galt das Hochland im Süden Georgiens als weißer Fleck auf der archäologischen Landkarte. Ein georgisch-italienisches Expertenteam hat diesen Zustand seit 2017 radikal beendet. Das Projekt Samtskhe-Javakheti dokumentierte in acht Jahren intensiver Feldarbeit insgesamt 168 Fundstätten.
Einfach ausgedrückt: Die Region war kein Niemandsland, sondern eine hochaktive Grenzzone. Die Funde lassen sich in drei klare Kategorien unterteilen:
- Festungsanlagen: Massive Bauwerke aus riesigen Steinblöcken ohne Mörtel.
- Siedlungen: Komplexe Wohnstrukturen, die über Jahrtausende genutzt wurden.
- Nekropolen: Ausgedehnte Gräberfelder, die auf eine stabile Bevölkerung hindeuten.
Baraleti Natsargora: Der Hügel der Asche
Besonders spannend wurde es bei den Grabungen in Baraleti Natsargora. Der Name bedeutet übersetzt „Aschenhügel“ – und die Archäologen fanden genau das: Schichten über Schichten von Brandereignissen und Siedlungsphasen, die bis in die Frühbronzezeit (ca. 3500 v. Chr.) zurückreichen.
Tatsache ist, dass hier eines der spektakulärsten Objekte der Kampagne entdeckt wurde. Es handelt sich um eine fein verzierte bronzerne Sonnenscheibe mit konzentrischen Kreisen und regelmäßigen Perforationen. Solche Stücke wurden in der Region oft in Frauengräbern gefunden, was auf eine tief verwurzelte Sonnen-Symbolik und hohen sozialen Status der Trägerinnen schließen lässt.

💡Feldarchäologe: Die Identifizierung von Brandhorizonten in Siedlungshügeln wie Natsargora ist im Jahr 2026 dank moderner Multispektral-Analyse präziser denn je. Diese Schichten verraten uns nicht nur, dass es brannte, sondern auch, ob Getreidevorräte oder Textilien im Feuer vernichtet wurden – ein direkter Blick in die Vorratskammern der Eisenzeit.
Meghreki und die rätselhaften Tonplatten
Ein Stück weiter östlich lieferte die Festung von Meghreki weitere Rätsel. Hier schnitt der moderne Straßenbau versehentlich eine antike Schicht an und legte eine gewaltige Stratigrafie frei. Die Forscher stießen auf Wohnkomplexe der späten Eisenzeit, die mit etwas völlig Ungewöhnlichem ausgestattet waren: dekorierten Tonplatten.
Diese gebrannten Platten weisen geometrische Muster auf und waren ursprünglich in Rot, Weiß und Dunkelblau bemalt. Um es ganz offen zu sagen: Solche Funde sind im Südkaukasus extrem selten. Sie markierten wahrscheinlich ritualisierte Räume oder den Wohnbereich einer lokalen Elite. Das bricht mit der alten Theorie, dass diese Bergfestungen nur temporäre Schutzräume für Hirten waren.
Ein Erbe aus Stein und Asche
Die Ergebnisse des Projekts zeigen, dass das Javakheti-Plateau ein Knotenpunkt zwischen den Hochgebirgen und den eurasischen Steppen war. Die Gemeinschaften dort waren Meister der Anpassung an extreme Bedingungen auf über 3.000 Metern Höhe.
Die Forschung ist hier noch lange nicht am Ende. Kurz gesagt: Die kommenden Jahre werden durch Radiokarbondatierungen und die Analyse von Pollenflug (Paläoökologie) klären, wie sich das Klima auf den Aufstieg und Fall dieser Bergfestungen auswirkte.
- Kura-Araxes-Kultur: Die ältesten Siedlungsschichten (ca. 3500–2500 v. Chr.).
- Zyklopenmauerwerk: Charakteristische Bauweise aus monumentalen Steinblöcken.
- Mobilität: Die Festungen dienten sowohl als dauerhafte Zentren als auch als saisonale Zufluchtsorte.



